Der Fußball-Blase geht die Luft aus

Corona-Krise. Den Klubs brechen durch die Zwangspause die Einnahmen weg. Es geht ums wirtschaftliche Überleben.

Es war im Jahr 1995: Ein belgischer Fußballer namens Jean-Marc Bosman, den vorher niemand kannte, gewann vor dem Europäischen Gerichtshof eine Schadenersatzklage gegen den belgischen Verband und seinen ehemaligen Klub RFC Lüttich. Durch das Bosman-Urteil wurden Ablösezahlungen nach Vertragsende gekippt. Dazu fielen auch die Ausländerbeschränkungen.
Im Fußball gibt es eine Zeitrechnung vor und nach Bosman. Denn die Spielergehälter explodierten genauso wie die Fernsehgelder – und damit die Umsätze der Vereine. Dazu wurden Unsummen ausgegeben, um Spieler aus laufenden Verträgen herauszukaufen.
Nun – ein Vierteljahrhundert danach – zwingt ein kleines Virus den Profifußball praktisch weltweit in die Spielpause und damit in die Knie. Der Weltsport Nummer eins steht vor der größten wirtschaftlichen Krise seiner fast 150-jährigen Geschichte. Jene Blase, die sich in den letzten zwei Jahrzehnten gebildet hat, dürfte das Coronavirus binnen Wochen platzen lassen. Es scheint vorerst einmal vorbei zu sein mit dem grenzenlosen Wachstum im Fußballbusiness.
Allein die fünf größten europäischen Ligen in England, Spanien, Deutschland, Italien und Frankreich sowie die großen Verbände FIFA und UEFA setzten bisher laut Neue Zürcher Zeitung gemeinsam fast 35 Milliarden Euro pro Jahr um. Das Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen KPMG berechnete nun aber, dass diese Topligen bei einer vorzeitigen Beendigung der Saison mit Verlusten von 3,4 bis 3,95 Milliarden Euro rechnen müssen. Am härtesten träfe es die englische Premier League, der bei noch 92 verbleibenden Spielen 1,15 bis 1,25 Milliarden Euro verloren gingen. Die deutsche Bundesliga liegt mit einem möglichen Verlust von 650 bis 750 Millionen Euro hinter Spanien auf Rang drei.
Der Geschäftsführer der DFL, Christian Seifert, beschreibt die Lage kurz und prägnant: „Es geht ums Überleben!“ In Mainz ließ man verlauten, dass es kaum verkraftbar sei, wenn die Mai-Rate der TV-Gelder ausbleiben würden. 15 bis 16 Millionen Euro wären das. Die Abhängigkeit von den TV-Geldern könnte jetzt zum Bumerang werden.
Damoklesschwert TV-Gelder
Ein Insider sagt zum KURIER: „Wenn die Saison in Deutschland komplett abgebrochen werden muss, kursieren in der DFL erste Berechnungen, die erschreckend sind: Rund einem Drittel der Bundesligisten und der Hälfte der zweiten Liga würde die Liquidität ausgehen.“ Das heißt, dass etwa sechs der Erstliga-Klubs und neun der Zweitliga-Klubs ohne frisches Geld die Insolvenz drohen würde.
Deshalb wird erwartet, dass alles versucht wird, um zumindest noch Geisterspiele vor dem Sommer austragen zu können. Denn die TV-Verträge sind so hoch dotiert, dass die ausstehenden Raten die ärgsten Sorgen lindern könnten. Und auch Spiele ohne Zuschauer würden die TV-Millionen fließen lassen. Aber ganz ohne Fußball gibt es auch kein Geld von Sky und Co – da sind sich fast alle Sport-Juristen einig.
In Österreich machen die TV-Zahlungen von Sky bei den meisten Vereinen nicht so einen entscheidenden Anteil am Budget aus. Aber wenn sowohl die TV-Gelder stoppen als auch Sponsoren ausstehende Summen nicht mehr zahlen wollen oder können, ist es mit der Liquidität der meisten Vereine vorbei. Fehlende Ticketeinnahmen würden wiederum Rapid am stärksten treffen. Einen größeren Finanzpolster dürften neben Liga-Krösus Salzburg nur der LASK und der WAC haben – wegen der UEFA-Millionen aus dem Europacup (sollten die fließen).
Fußball-Kurzarbeiter
Noch hofft man, auf eine Fortsetzung der Meisterschaft. Bei einem Ausfall spricht etwa Rapid von sechs Millionen Euro Verlust. Etliche Klubs arbeiten daran, ihre Angestellten und Spieler in die Kurzarbeit zu schicken. Bei der Austria haben laut Vorstand Markus Kraetschmer fast alle Spieler die Kurzarbeit-Regelung bereits akzeptiert.
Noch vor dem Ende der Corona-Krise ist der zuletzt ohnehin überhitzte Transfermarkt schon am Ende. Ein Spielerberater sagt zum
KURIER: „Alle Sommer-Transfers, die traditionell nach dem Start der Frühjahrssaison besprochen werden und rund um die Osterzeit finalisiert werden sollen, sind ausgesetzt. Egal, ob es um mehrere Millionen Ablöse geht oder sogenannte kleine Deals – momentan unterschreibt niemand etwas.“ Der erfahrene Spielerberater kann sich gut vorstellen, dass das über Monate so bleiben wird. „Es wird eine massive Krise und es wird sich einiges ändern – auch im Profifußball.“

Autoren: Von Stephan Blumenschein, Alexander Huber
und Günther Pavlovics – Kurier

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